Mein Land Biladi – Austauschprojekt Leipzig–Jenin
Einer der Jungen, die mit dem Freedom Theatre in Leipzig zu Gast sind, rief beim Anblick eines Flusses entzückt aus: „Oooh, das Meer!“ Er kommt zum ersten Mal in seinem Leben raus aus dem Flüchtlingslager Jenin im Westjordanland – bis vor kurzem noch einer der gefährlichsten Orte der Welt. Wenn der Leiter Juliano Mer Khamis leidenschaftlich von den Zielen des von seiner Mutter gegründeten Theaters erzählt, läuft es einem kalt den Rücken herunter: „Wir wollen die durch die Besatzung zerstörte Identität unseres Volkes wieder aufbauen. Wir wollen die Essenz der Freiheit jedes Individuums feiern.“ Khamis wendet sich jedoch auch gegen überzogenen palästinensischen Nationalismus, einer seiner Schüler sagt: „Wenn ich ein guter Schauspieler werde, brauche ich kein Krieger mehr zu werden, um für die Freiheit zu kämpfen.“ Khamis: „Jetzt wollen wir uns von den Leipzigern, die Erfahrungen darin haben, Anleitung zum Mauereinreißen holen.“
Das Freedom Theatre ist Kooperationspartner des Leipziger Schauspiels in dem auf zwei Jahre angelegten Projekt „Mein Land Biladi“ (Biladi: arabisch für „Mein Land“). Im Januar kommen zehn Jugendliche aus Jenin nach Deutschland und arbeiten mit zehn Leipzigern zwischen 16 und 21 zusammen, im Sommer folgt der Gegenbesuch. Die Dramaturgin Anja Nioduschewski sagt: „Wir interessieren uns für die weißen Flecken der Theaterlandkarte, dafür, unter welchen Bedingungen Theater gemacht wird, welche politische Bedeutung Theater haben kann.“ Das Projekt wird von der Bundeskulturstiftung mit 117.240 Euro als eines der 14 ersten Theater aus dem neuen Fonds Wanderlust gefördert.
Der Regisseur des Austauschprojektes auf palästinensischer Seite konnte nicht mit nach Leipzig reisen: Seine Inszenierung der „Farm der Tiere“ wurde als Persiflage auf die palästinensische Autonomiebehörde gelesen, es gab einen Brandanschlag.
Mein Land Biladi – Austauschprojekt Leipzig–Jenin, Leipziger Volkszeitung, Nina May, 30.10.2009
