Am Wochenende wurden in gleich drei Leipziger Theaterprojeten Grenzen überschritten. Im Weißen Haus, dem kleinen Spielort des Schauspiels, erkundeten Studenten der Hochschule für Grafik und Buchkunst die zwischen Illusion und Wirklichkeit und verwischten so die Trennlinie zwischen bildender und darstellender Kunst. Ähnliches gelang den Performancekünstlern, die mit Chris Lopatta vom Theater der Jungen Welt in der Galerie für Zeitgenössische Kunst „Die Box – Secret Stories“ aufführten …
Ortswechsel, und dabei ging es nicht ums Dies- oder Jenseits. Nein, der Kindertheaterclub des Schauspiel-Spinnwerks überschritt stattdessen den magischen Grat zum Happy Land: Man stecke finanzkrisengebeutelte Banker und castingshowgeschädigte Möchtegernstars in ein Märchenreich à la Herr der Ringe, mische ein bisschen Computerspielästhetik bei und – heraus kommt das Happy Land.
Dorthin flieht in der ersten Premiere des Kinderclubs auf dem Ex-Fabrikgelände der Nachwuchs, weil die bösen Erwachsenen ihm in der realen Welt die Augen stehlen wollen, um alles mit Kinderaugen sehen zu können. Und die Haare, weil die den Alten ausfallen. Im Happy Land wird über Große nur als PP „postpubertär“ gespottet, jedes Kind darf (und muss) sich in eine Phantasiegestalt verwandeln. Zum Beispiel die verwöhnte Prinzessin Skippie, die allergisch gegen billige Dinge ist (Giulia Roediger). Doch es gibt auch Regeln im Happy Land, das Glücklich-Sein zum Beispiel, wie der charmante Elf Joschi mit der schönen Stimme (Ronja Rath) mit dem berühmten Kollegen Bobby Mc Ferrin immer wieder anmahnt.
Bald schon stellt das Trio (Franz Rübbeck, Jonas Zimmert und Gundula Oesen) jedoch fest, dass auch im Happy Land nicht alle happy sind. Der Schatzverwalter mit dem passenden Namen Gollum (Johann Golzer) will ihnen Happy-Hippo-Darlehen andrehen und sie so in Schulden stürzen; die Happy-4-Empfängerin Sterntaler muss sich in der magischen Casting Show bei Bruce Bohlen (Antony Bangoura) im Blockflötenspiel versuchen, weil die herabregnenden Scheine nichts mehr wert sind; die Trollin Tippi (unglaublich frech und süß mit ihren verwuschelten Haaren: Olivia Berger) residiert traurig in einer verwahrlosten Hütte.
Katrin Richter, Chefin der Kinder- und Jugendbühne des Leipziger Schauspiels auf dem Spinnereigelände und Regisseurin von „Happy End im Happy Land“, gelingt es, die Wirklichkeit der Erwachsenen im Spiegel der Phantasiewelt bissig zu kommentieren, ohne jemals den für Kindertheater typischen pädagogischen Zeigefinger zu erheben. Das Stück sagt auch Erwachsenen viel, ohne dabei zu überintellektualisieren und die Sprache der Zielgruppe zu verlieren. Das liegt sicher auch daran, dass die jungen Darsteller den Text selbst miterarbeitet haben. Es ist erstaunlich, wie reflektiert und leidenschaftlich diese Acht- bis Dreizehhnjährigen sich ins Spiel stürzen. Göttlich etwa auch Moritz Schönbrodt, der von der Prinzessin verschmähte Götz von Blöd, Ritter mit Furcht und ohne Adel, der bei der Castingshow schließlich aus Liebeskummer ein „dramatisches Gedicht, das mit meinem Selbstmord endet“ vorträgt.
Und bei all der ironisch bösen Diesseitskritik darf man nicht vergessen: Im Spinnwerk wird ein magischer Parallelkosmos geschaffen, dessen Sog man sich kaum entziehen kann. Daran wirken auch die phantastischen Kostüme (Thomas Weinhold) mit. Es ist sehr zu wünschen, dass dieses Stück wie geplant in der kommenden Spielzeit zur Repertoireposition wird. Das würde zwar der Prinzessin Giulia nicht gefallen, die keine Happy Ends mag, aber: Das Stück macht einfach glücklich.
Phantasie kontra Wirklichkeit, Leipziger Volkszeitung, Nina May, 11.05.2009
