Auf dem Spinnereigelände in Plagwitz hat das Schauspiel auf 700 Quadratmetern einen Freiraum für Kinder- und Jugendtheater geschaffen. Was wurde in rund sechs Monaten erreicht, was muss besser werden? Ein Besuch im Spinnwerk.

Tagsüber schnauft hier ein altersschwacher Mops. Uschi – bekannt vom Kurzauftritt in „Macbeth“ im Centraltheater – schleppt sich durch das Büro des Spinnwerks, Frauchen Katrin Richter preist zwischen Theaterkonzepten den Vorteil von Windeln bei Hunden. Dieser Mops ist sinnbildlich für das Spinnwerk, in dem nicht alles ordentlich sein muss, in dessen Garderoben die Kostüme von mehreren Produktionen durcheinanderfliegen und wo auf der Bühne eine Studententheatergruppe den Kinderclub bei der Probe ablöst. Keine Minute Ruhe, die Nachbarn beschweren sich schon mal über Lärm. Bei all dem Trubel herrscht gemütliches Chaos. Finanziert wird das Ganze durch eine Spende der Sparkasse. Die genaue Summe verrät Richter nicht, aber: „Das Centraltheater verzichtete dafür auf einen Teil seines Ausstattungsetats, wir bekommen also kein Extrageld der Stadt.“

Bislang waren in dem Open-Stage-Format zwölf freie Theatergruppen zu Gast im Spinnwerk. „Egoismus“ zeigte als Kooperation mit der Arge die negative Utopie einer Gesellschaft ohne Sozialstaat, in der Ein-Euro-Jobber den Kampf ums nackte Überleben spielten. In zehn nach Alter unterteilten Werkstätten erarbeiteten Richter und ihre Mitarbeiter zudem eigene Produktionen zum Spielzeitthema Glück, die jetzt nach und nach zur Aufführung kommen und zu Repertoirestücken werden sollen. Bei den Studenten ist das Interesse größer als erwartet, deshalb gibt es eine Extra-Gruppe, im Herbst will Richter einen Studententheater-Wettbewerb organisieren.

Wie die Arbeit in den Werkstätten abläuft, erzählt die Spinnwerk-Chefin anhand von „Happy End im Happy Land“, einer Produktion von Acht- bis Elfjährigen, die morgen Premiere feiert. „Die Kinder stimmten über das Genre ab und entschieden sich für Fantasy.“ Die Grundgeschichte sei ähnlich wie bei „Der König von Narnia“: Kinder flüchten in ein Phantasiereich – vor den Erwachsenen. Dort dürfen sie sich wie im Computerspiel einen Avatar aussuchen. „Aber die Figur musste etwas Besonderes sein, nicht einfach Jeanette Biedermann.“ Aus Improvisationen formten sich Texte. Johan erklärt zum Beispiel als Gollum die Weltwirtschaftskrise und warum er Sterntaler kein Geld mehr leihen kann. Schließlich kommt heraus: So toll ist eine Welt ohne Erwachsene auch nicht. „Ich war echt überrascht, wie intensiv die Achtjährigen das diskutiert haben. Das Ergebnis: Das reine Glück ist langweilig.“ Deshalb entschließen sich die Kinder, zurück in die reale Welt zu gehen und die Erwachsenen zu heilen.

Wenn Richter nicht gerade mit den Kindern arbeitet, telefoniert sie. Zum Beispiel mit Schulen, um ihnen den Raum und die Technik des Spinnwerks für Theater-AGs anzubieten. Meist stößt sie auf Misstrauen: „Die haben diese Vorurteile im Kopf: Ach, der Sebastian Hartmann, was der da macht. Aber man muss uns nur kennenlernen, dann gibt sich das schnell.“ Deshalb lud Richter kürzlich zur Lehrerkonferenz mit Intendant Hartmann und Chefdramaturg Uwe Bautz. „Unsere Aufgabe ist es auch, junge Menschen bereit zu machen fürs Leben“, sagte Hartmann bei dem Gespräch, viele Jugendliche gingen aber nur einmal ins Theater und dann nie wieder. Die Lehrer antworteten, da die Arbeit in der Schule sehr auf den Text konzentriert sei, erwarteten die Schüler den dann auch so auf der Bühne, seien also sogar konservativer als Erwachsene. Hartmann erwiderte, man müsse vermitteln, dass das „Reclamheft als Tuschkasten“ für den Regisseur als Künstler funktioniere. Eine mögliche Lösung: Vor- und Nachbereitung der Inszenierungen, auch mit Schauspielern. Den Austausch mit dem Centraltheater will auch Richter noch intensivieren. „Wir wollen vermitteln, dass alles um das Theater herum Handwerk ist, dazu brauchen wir die Profis.“ Was bei Technikern und Requisiteuren bereits klappe, gestalte sich bei den Schauspielern noch „ein bisschen schwierig“. Richter plant Wochenendworkshops, bei denen Nachwuchsdarsteller ihre Vorsprechrollen für die Schauspielschule proben können.

Das Spinnwerk spinnt sein Netz passend zu den neuen Spinnennetz-Plakaten durch ganz Leipzig. Mit der Volkshochschule hat Richter Kurse in Licht- und Tontechnik organisiert, die Teilnehmer können ihre Fähigkeiten bei Spinnwerk-Projekten einsetzen. Auch die Musikhochschule und die Galerie für Zeitgenössische Kunst will sie ansprechen sowie Vereine der Stadt. In die szenische Führung „Die Piependorfer kehren zurück“ zum 125-jährigen Bestehen der Spinnerei sind zum Beispiel die Steppweltmeisterinnen im Seniorentanz involviert. Zurzeit klingelt sich Richter durch Heime. „Fast jedes hat eine Theater-AG mit Behinderten, aber die machen das mehr für sich zu Weihnachten. Bei uns haben sie die Gelegenheit, es auch mal anderen Gruppen zu zeigen.“

Auch Festivals will sie organisieren, Kinder aus bildungsfernen Schichten ansprechen – Richter rödelt, um das Spinnwerk zum Happy Land für Kinder und Jugendliche zu machen. Mops Uschi bleibt gelassen und denkt sich wohl im Stillen:
Die spinnen.

Spinnereien, Leipziger Volkszeitung, Nina May, 08.05.2009