Juliano Mer Khamis ist halb Jude, halb Palästinenser – in seinem Theater in Dschenin stellen sich Jugendliche dem Nahost-Konflikt

Man ist verwirrt, wenn man Juliano Mer Khamis trifft, auch hinterher noch, wenn man sich längst von ihm verabschiedet hat. Denn Juliano Mer Khamis ist Jude und Palästinenser. Seine Mutter war Jüdin, also ist er Jude. Sein Vater Palästinenser, also ist er Palästinenser. Juliano Mer Khamis lebt zurzeit in Dschenin, der früheren palästinensischen Terroristenhochburg. Und er war in der isrealischen Armee, sogar bei einer Kampfeinheit – bis er unehrenhaft entlassen wurde und für anderthalb Jahre im Gefängnis landete. Er hatte seinen Offizier zusammengeschlagen, weil der einen alten Palästinenser verprügelt hatte.

In Israel gibt es nur wenige wie Khamis. Denn in Israel ist man eigentlich entweder Jude oder Palästinenser, nicht aber beides. Wer aber mit Juliano Mer Khamis redet, ihn in Dschenin besucht oder in Tel Aviv trifft, wer ihm bei Theaterproben zuschaut oder mit ihm zu Mittag isst, dem schwirrt der Kopf. Weil er zwischen den Welten schwebt, weil er Palästinenser sein kann oder Jude, je nachdem, wie es ihm gerade passt. Der Nahost-Konflikt lebt in ihm.

Permanent pendelt er zwischen beiden Welten, lebt im Flüchtlingslager von Dschenin, geht in Tel Aviv ein und aus, hat eine finnische Freundin, schimpft auf die Korruption in der Palästinensischen Autonomiebehörde und über „die Arroganz der Israelis“. Beklagt die Besatzung des Westjordanlandes und die „Engstirnigkeit vieler Palästinenser“, die es nicht ertrügen, wenn junge Frauen und junge Männer auf der Bühne ihr Leben in Szene setzen. Man muss ihm ins Wort fallen, wenn er sich in Rage redet. Ihn fragen, was er denn eigentlich sei. Da schweigt er zum ersten Mal. Und sagt dann: „Beides. Nichts von beidem.“

Sei froh, dass du nicht ich bist

In Tel Aviv und Jerusalem kennt man Juliano Mer Khamis sehr gut, er ist der Sohn von Arna, die in den achtziger und neunziger Jahren Schlagzeilen produzierte mit ihrem Kindertheater im Flüchtlingslager von Dschenin, wo Jüdinnen wie sie eigentlich keinen Fuß hinsetzen. Als sie an Krebs starb, beschloss der Sohn, das Projekt der Mutter fortzusetzen. Seit 2006 führt und leitet Juliano Mer Khamis nun das „Freedom Theatre“, das Freiheitstheater in Dschenin. Er lebt auch in dem Flüchtlingslager, wo im Sommer das Wasser nur einmal die Woche aus den Wasserhähnen tropft und im Winter bei Regen die Straßen überfluten, weil die Kanalisation fehlt.

Die Verwirrung, die man angesichts dieses Mannes empfindet, die spürt er jeden Tag am eigenen Körper: „Für die Juden bin ich ein dreckiger Araber. Für die Palästinenser hier in Dschenin der Jude, der ihre Kinder mit westlicher Kultur verdirbt, weil Jungs und Mädchen auf einer Bühne stehen.“ Khamis sagt auch: „Sei froh, dass du nicht in meiner Haut steckst.“

Sein Theater in Dschenin ist ein mit europäischer Hilfe finanziertes Raumschiff, das im Lager von Dschenin gelandet ist. Er wisse, sagt er, „dass Theater das Letzte ist, was die Palästinenser hier brauchen“. Andererseits „ist es genau das, was die Leute hier brauchen“. Vor drei Jahren bestand die Theatertruppe nur aus zwei Jungs. Erst langsam konnte Juliano Mer Khamis bei den 16.000 Bewohnern des Flüchtlingslagers die größte Skepsis abbauen. Sie ist noch immer da. Manchmal werden anonyme Flugblätter verteilt, die gegen das Theater hetzen, zweimal schon wurden Brandsätze auf das Gebäude geworfen. Aber Khamis lässt sich nicht einschüchtern. Das Stück „Farm der Tiere“ von George Orwell löste den ersten Theaterskandal im Westjordanland aus – weil die Zuschauer in den Schweinen die Führungsclique der Autonomiebehörde erkannt hatten. Die Autonomiebehörde rief zum Boykott des Theaters auf, was eine Welle der Solidarität auslöste, darunter auch vom früheren Terroristen Zakaria Zubeidi. Er wurde von Israel amnestiert, weil er seine Waffen niedergelegt hat, und ist ein enger Freund von Khamis geworden.

Seit einem Jahr kann man an Khamis’ Theater Computer- und Fotokurse besuchen, aber auch eine Ausbildung zum Schauspieler absolvieren. Gerade hat der zweite Jahrgang begonnen. Batoul Taleb ist 20 Jahre alt und lernt seit einem Jahr an Khamis’ Theater. Sie ist noch ganz verschwitzt von den Proben. Sie stahlt eine große Zufriedenheit aus, wenn sie vom Theater erzählt: „Ich wollte schon immer Schauspielerin werden. Seit ich klein bin, schaue ich mir Filme im Fernsehen an. Ich bin der glücklichste Mensch, wenn ich auf der Bühne stehe.“
Ihre Eltern waren es anfangs jedoch gar nicht. Als Batoul ihnen erzählte, sie wolle die Ausbildung am Freiheitstheater absolvieren, sprach der Vater tagelang kein Wort mit ihr, die Mutter weinte. „Ich habe mich dann durchgesetzt, es war nicht leicht“, sagt die 20-Jährige. Auch für ihren Kollegen Faisal Abu al-Haija ist das Schauspielen ein Kampf gegen den Willen der Eltern. „Als ich ihnen gesagt habe, ich werde die Ausbildung machen, haben sie gesagt, ich solle was Anständiges lernen und Geld verdienen.“ Sie weigern sich, zu seinen Premieren zu kommen, aber der 20-jährige Faisal läst sich davon nicht beirren. „Wenn ich nicht Theater spiele, wer denn dann? Wir müssen doch auch mal eine Pause von der Realität machen.“ Faisal sagt, er würde auch auf der Straße schlafen, um zu schauspielern, wenn ihn seine Eltern von zu Hause rauswerfen würden.

Abkehr von der Terrorgruppe

Neun Studenten, darunter auch Batoul und Faisal, nehmen gerade eine Auszeit von der Realität Dschenins. Noch bis Ende Oktober touren sie durch Deutschland und Österreich. Sie führen „Fragmente von Palästina“ auf, ein Stück, in dem der palästinensische Alltag umgeschrieben wird: Eine Hochzeitsgesellschaft löst sich auf, ein Märtyrer weigert sich, beerdigt zu werden, eine Frau verzweifelt an den Zwängen ihrer Gesellschaft. Für fast alle der Schauspielstudenten war es der erste Flug in ihrem Leben und das erste Mal, dass sie ihr Dschenin verlassen haben. Haroun Abu Arrah, 23, genießt es, zum ersten Mal in seinem Leben nicht zu Hause zu sein: „Ich sehe in Deutschland Freiheit und Frieden – genau das, was wir auch wollen.“

Frieden hat auch Rabea Turukman gemacht, allerdings in erster Linie mit sich selbst. Bevor er mit der Theaterausbildung begann, war er Mitglied der Terrorgruppe „Al Aksa Brigaden“ und kämpfte sieben Jahre lang gegen die Besatzung. Bis zu jenem Tag, an dem israelische Soldaten in sein Haus eindrangen und seine Schwester erschossen. Seitdem hat Turukman keine Waffe mehr in die Hand genommen und keine Brandsätze mehr auf israelische Patrouillen geworfen. Er gibt sich die Schuld am Tod der Schwester: „Denn sie haben damals mich gesucht, nicht sie.“ Das Spielen, sagt er, hebe seine Stimmung: „Zum ersten Mal macht mich seit dem Tod meiner Schwester wieder etwas glücklich.“ Seine Mutter aber, Fatima Turukman, ist gar nicht erfreut über die neue Karriere ihres Sohnes. „Ich wünschte mir“, sagt sie, „dass er weiter gegen die Besatzung kämpft.“

Zwischen den Welten, Süddeutsche Zeitung, Thorsten Schmitz